Ökohof Kuhhorst
Pressemitteilung Ökohof Kuhhorst
Integration von behinderten Menschen
Für die soziale Integration von geistig behinderten Menschen in einem ökologisch geführten Landwirtschaftsbetrieb und angegliederten Verarbeitungsstätten für Getreide, Milch und Fleisch wird die Ökohof Kuhhorst gGmbH heute auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin von Bundesminister Horst Seehofer mit dem ersten Preis des Förderpreises Ökologischer Landbau 2006 ausgezeichnet.
Inmitten einer Niedermoor-Niederung, umgeben von Gräben und Kanälen, liegt der Hof im Zentrum des Dorfes Kuhhorst im Brandenburgischen Havelland. Vor allem im Herbst, wenn zahlreiche Wildgänse und Kraniche auf ihren Zügen hier Station machen, entwickelt dieser Landstrich seine besondere touristische Anziehungskraft.
Aber auch während der Frühlings- und Sommermonate bietet das nordwestlich der Hauptstadt Berlin gelegene Grünland ein reizvolles Ziel für einen Ausflug oder eine kleine Reise – nicht zuletzt aufgrund der attraktiven Angebote des Ökohofes in Kuhhorst:
Was im Zuge der politischen Wende nach 1989 bereits als neue Chance für den landwirtschaftlichen Produktionsstandort Kuhhorst aufgefasst werden durfte, entwickelte sich im Laufe der vergangenen 13 Jahre zu einem vielseitig ausgerichteten und das dörfliche Gemeinschaftsleben prägenden Unternehmen. Denn einen klaren Schwerpunkt des Gesamtkonzeptes bildeten stets die Entwicklung des Dorfes und das Besinnen auf bäuerliche Traditionen; so nimmt etwa die neu errichtete Hofkäserei beispielhaft Bezug auf die märkische Meierei-Geschichte.
Die Anstrengungen des Ökohofes Kuhhorst haben nach wechselhafter Geschichte wieder einen Landwirtschaftsbetrieb zum Leben erweckt, der als starker lokaler Akteur nicht nur Arbeitsplätze schafft und einen touristischen Anziehungspunkt bildet, sondern der zudem beispielhaft dazu beiträgt, die Idee des Ökolandbaus öffentlichkeitswirksam zu verbreiten und die Vernetzung der Ökobetriebe zu fördern.
Der produktionstechnische und wirtschaftliche Anspruch des Ökohof Kuhhorst sucht zwei Konzepte der Nachhaltigkeit und Integration zukunftsorientiert miteinander zu verknüpfen:
Als ökologisch ausgerichteter Landwirtschaftsbetrieb (Ökohof Kuhhorst gGmbH) mit einer Wirtschaftsfläche von 400 ha sowie einem Viehbestand von 218 Rinder, 100 Schweinen, 6 Eseln und 800 Gänsen und 600 Enten demonstriert das Unternehmen beispielhaft, wie sich bäuerliche Tradition, betriebswirtschaftliche Effizienz und umweltfreundliche Produktion miteinander vereinbaren lassen.
Als anerkannte Werkstatt für Menschen mit Behinderung ist der Ökohof eine soziale Einrichtung, in deren verschiedenen Produktionsstätten insgesamt über 70 Menschen mit Behinderung unter der Betreuung von qualifizierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen arbeiten. Damit erweist sich die Neuartigkeit der gesamtbetrieblichen Konzeption nicht nur anhand vielseitiger und komplementärer Produktionsverfahren („Hermannsdorfer Prinzip“), sondern – in konsequenter Weiterentwicklung – auch anhand der Einbindung sozialer Dienstleistung.
Die Arbeit und Produktionsweise des Ökohofs zeichnet sich selbstverständlich durch die Berücksichtigung der GÄA-Richtlinien für Ökologischen Landbau aus und integriert darüber hinaus ursprüngliche bäuerliche Traditionen:
Es wird auf chemischen Dünger und Pflanzenschutzmittel verzichtet; die Haltung der Tiere erfolgt artgerecht, sowohl im Freiland als auch durch ein ausreichendes Platzangebot im Stall; die Ernährung der Tiere erfolgt mit selbst erzeugten ökologischen Futtermitteln; die Weiterverarbeitung geschieht handwerklich und ohne die Verwendung chemischer Zusätze. Darüber hinaus zeichnet sich die Produktionsweise insbesondere durch eine Ressourcen schonende Bewirtschaftung aus. Beispielsweise wurden alle Feuerungsstätten auf Flüssiggas umgestellt sowie mit Brennwertkesseln ausgestattet, und im Melkhaus wurde eine solare Brauchwassererwärmung eingebaut.
Der 1991 gegründete Hof ist als Demonstrationsbetrieb Ökologischer Landbau der GÄA e.V. angeschlossen und darüber hinaus nicht nur Gründungsmitglied der GÄA e.V. Brandenburg, sondern seit 1994 auch der EZG BioKorntrakt.
Neben der Erzeugung primärer Bioprodukte wie Milch, Getreide oder Fleisch existiert eine differenzierte, handwerklich ausgerichtete Weiterverarbeitung, die das Angebotsspektrum um hochwertige Bioprodukte wie Käse, Dinkel-Bandnudeln oder feine Räucher- und Wurstwaren ergänzt.
Bei ca. 44 verarbeiteten Schweinen pro Jahr sind Fleisch und Wurstwaren besondere Umsatzträger. Der hohe Anspruch an die Produktentwicklung sowie das bewiesene Feingefühl bei der Gestaltung der Verpackungen werden in der Produktpräsentation deutlich sichtbar. Und so hat, neben der eigens geschaffenen Marke, der hohe Qualitätsanspruch zu einer Verbreitung von Kuhhorster Produkten über den Berlin/ Brandenburger Markt hinaus bis nach Dresden geführt. Gerade auch im angeschlossenen Hofladen konnte im Jahr 2004 mit diesen Produkten ein sehr guter Umsatz erwirtschaftet werden.
Im Zuge der vergangenen 13 Jahre konnten, basierend auf dem schlüssigen Gesamtkonzept und seiner professionellen Umsetzung, mehr als zwanzig kleinere und größere Bauvorhaben verwirklicht werden, darunter ein neuer Kuhstall sowie ein Neubau von Produktionsräumen zur Lebensmittelverarbeitung mit Hofladen. Die parallel geführte Schaffung moderner und attraktiver Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung gibt vor allem geistig behinderten Menschen die Chance, im ländlichen Raum zu arbeiten, zu wohnen und zu leben.
Für die individuelle Entfaltung der Persönlichkeit sowie handwerklicher Fähigkeiten bietet dieses Umfeld eine Vielzahl an abwechslungsreichen Beschäftigungs- und Freizeitmöglichkeiten: Ergänzend zum Arbeitsalltag werden begleitende Maßnahmen wie Schnitzkurse oder Fußballtraining angeboten. Der Umgang mit Tieren, Pflanzen und landwirtschaftlichen Produkten fördert die Empfindungsfähigkeit und die soziale Kompetenz auf ganz besondere Weise.
Die zentralen Zielsetzungen in der Arbeit mit behinderten Menschen bezieht der Ökohof Kuhhorst aus seiner Bindung an den Mosaik-Unternehmensverbund, einem der bedeutenden Interessenvertreter für die soziale und berufliche Eingliederung von Menschen mit Behinderung in Berlin. Unter dem Dach dieses Verbundes vereinigen sich heute – neben der Ökohof Kuhhorst gGmbH und dem 1965 gegründeten Das Mosaik e.V. – zwei weitere juristische Personen:
die Mosaik-Werkstätten für Behinderte gGmbH und die Mosaik-Services Integrationsgesellschaft mbH. Die Arbeit in allen Einrichtungen hat die Ermöglichung von Teilhabe an der Gesellschaft als Ziel vor Augen. Eine sinnvolle, kreative und tagesstrukturierende Beschäftigung dient der Selbsterfahrung und schafft Gemeinschaftserlebnisse. Getragen wird dieses Selbstverständnis durch ein starkes Wir-Gefühl, das Mitarbeiter und Werkstattbeschäftigte, Fördergruppenteilnehmer und Bewohner von Wohneinrichtungen zu einem Ganzen zusammenführt.
Dieses Wir-Gefühl – verbunden mit einer kraftvollen Herzlichkeit – zeichnet vor allem auch das Miteinander der Menschen auf dem Ökohof Kuhhorst aus. Gerne führt Geschäftsführer und Werkstattleiter Joachim Brych seine großen und kleinen Gäste durch alle Bereiche der Produktion, der Tierhaltung und des Vertriebs. Anschaulich berichtet er dabei von gemeisterten Schwierigkeiten sowie neuen Projekten und bindet dabei ganz selbstverständlich die anwesenden Werkstattbeschäftigten in das Gespräch mit ein.
Der 1997 wieder in Betrieb genommene Dorfkrug fungiert ebenso als Treffpunkt für den Dorfverein, wie auch als Kantine für die Mitarbeiter und schafft darüber hinaus Arbeitsplätze für Stammpersonal und betreute Mitarbeiter. Und schließlich konnte das Engagement des Ökohofes Kuhhorst auch einige neue Traditionen ins Leben rufen: So das alljährliche Martinsgansessen und die beiden Hoffeste – das Maibaumsetzen am 30. April sowie das Erntedankfest Ende September. Beim Kuhhorster Erntedankfest 2004 konnten sich über 20 regionale Ökobetriebe mit ihren Produkten präsentieren und das Interesse für den Ökolandbau und seine Produkte wecken.

